
Japanische Brücke im Morgenlicht@vietnam-tours.de
Es ist kurz nach fünf Uhr morgens, die Welt gehört noch niemandem. Die Luft über dem südlichen Ufer des Thu Bons ist feucht und riecht nach verbranntem Holz und vergangenen Zeiten.
Ich trete aus meiner schattigen Pension hinaus, schiebe ein klappriges Herrenfahrrad auf den schlafenden Asphalt und mache mich auf den Weg. Ich will zur Japanischen Brücke. Aber nicht später. Jetzt. Bevor die Gegenwart erwacht.
Als jemand mal in Da Nang nach dem Weg fragte, stieß er nur auf ungläubiges Kopfschütteln: „Was um alles in der Welt willst du denn in Hoi An?“ Damals, in den 90ern, schwebte hier der Staub wie in Zeitlupe durch die verlassenen Gassen. Heute ist es der Konsum, der die Poesie verschlingt. Doch in diesen dreißig Minuten nach Sonnenaufgang gehört das einstigen Faifo – jenes sagenumwobene Hai Pho, wo einst Dschunken aus Nagasaki und Segelschiffe aus Lissabon anlegten – ganz mir allein. Weil ich langsam bin. Ein Motorrad wäre viel zu schnell; die Melancholie verlangt danach, langsam in die Pedale getreten zu werden.
Meine Reifen schnurren leise über den Asphalt. Es rufen keine Schneider um Kundschaft, kein Farbenrausch blendet das Auge. Vorbei an den restaurierten Fassaden, hinter denen am Nachmittag T-Shirts und Pizza verkauft werden, gleite ich wie ein Zeitreisender durch ein architektonisches Gesamtkunstwerk. Das frühe Licht legt sich wie flüssiges Gold auf die leeren Straßen.
Dann liegt sie vor mir: die Japanische Brücke. Achtzehn Meter überdachtes Holz, erbaut im Jahr 1593, begonnen im Jahr des Affen und vollendet im Jahr des Hundes. Die steinernen Tierfiguren an beiden Enden blicken mich schweigend an – Wächter einer vergangenen Ära. An der Nordseite schmiegt sich die kleine Chua-Cau-Pagode an die Dachsparren. Sie wurde für den Dämonenbezwinger Tran Vu erbaut. Er hatte die Aufgabe, das mythologische Cu-Monster zu bezwingen, dessen Körper sich von Indien bis nach Japan erstreckte und dessen kleinste Bewegung die Erde erbeben ließ.
Ich stütze mich auf meinen Lenker. Für einen flüchtigen, unendlich kostbaren Moment herrscht absolute Stille über dem Nebenfluss. Das Ungeheuer schläft. Selbst die Reisebusse schlafen noch. Es ist mein ganz persönlicher Triumph der Langsamkeit, dieses magische Zeitfenster, in dem Hoi An kein Tempel des Konsums ist, sondern einfach ein Wunder. Heute Nachmittag bin ich hier verabredet. Da ist es dann vorbei mit der Langsamkeit.