Bangkok, ein Abend im November und keine Erleuchtung

Erawan-Schrein in Bangkok © by Vietnam Tours Leverkusen

Es ist November, aber die Luft in Bangkok weigert sich beharrlich, abzukühlen. Sie klebt auf der Haut wie ein nasses Hemd – zumindest draußen. Wir haben Zuflucht in einem winzigen Imbiss gesucht, ganz in der Nähe des Heiligen.

 Über der Tür hängt ein handgemaltes, verblichenes Schild, das eigentlich ‚New Light Restaurant‘ heißen soll, aber der Besitzer hat sich verschrieben. Da steht nun ‚Enlight Restaurant‘. Also sitzen wir hier drinnen, ganz profan, im Imbiss Zur Erleuchtung. Wir nehmen an einem schlichten Metalltisch direkt am großen Schaufenster Platz, auf dem sich bereits die leeren und halbvollen Schüsseln unserer Suppen, Spieße und Salate aneinanderreihen. Durch das Glas blicken wir nach draußen auf die Straße, wo das thailändische Leben in einer ohrenbetäubenden Melodie aus knatternden Tuk-Tuks, dem Zischen von heißem Fett und dem grellen Neonlicht der Garküchen vorbeizieht. Es riecht, selbst hier drinnen noch schwach spürbar, nach Koriander, verbranntem Diesel und scharfen Chilis.

„Wünscht Du Dir eigentlich etwas?“, fragt sie beiläufig, während sie mit den Stäbchen hantiert.

„Wie meinst Du das?“

„Gibt es nicht immer etwas, was man sich wünscht?“, antwortet sie.

„Na ja“, sage ich, „ich fange mal klein an! Erleuchtung!“

„Ja, warum nicht“, erwidert sie, den Blick auf mich gerichtet. „Lass es uns probieren.“

Ich schaue sie etwas entgeistert an. „Jetzt sofort?“, frage ich.

„Erst müssen wir bezahlen.“

Und das kann, nach aller mäßig erwähnenswerten Erfahrung mit der Logistik bangkokianischer Straßenrestaurants, dauern.

„Na, dann machst Du heute einen neuen Anfang“, sagt sie, steht auf und glättet ihr Kleid. „Ist nicht weit.“ Diese Reise könnte passen!

November 1956

Genau vor sechzig Jahren kollabiert das System der Logik an der Ratchaprasong-Kreuzung. Beim Bau des luxuriösen Erawan-Hotels häufen sich die Leichen. Arbeiter stürzen von Gerüsten, ein Schiff voller kostbarem italienischen Marmor versinkt im Nirgendwo des Ozeans. Die Bauarbeiter weigern sich, auch nur noch einen Stein anzurühren. Die Geister sind erzürnt, die Grundsteinlegung geschah an einem verfluchten Tag. Erst als der Astrologe Luang Suwichatipat gerufen wird und den Bau eines Schreins für den viergesichtigen Gott Brahma verordnet, kehrt Frieden ein. Das Hotel wird fertig. Der Aberglaube hat gesiegt – oder die kosmische Ordnung wurde wiederhergestellt. Je nachdem, wen man fragt.

Man tritt hinaus auf die Kreuzung. Wenn man in Europa an die Suche nach Vergebung oder Erleuchtung denkt, sieht man einsame Gestalten vor sich, verhuscht in den hinteren Kirchenbänken darbend, im dämmrigen Licht einer sterbenden Kerze.

Hier nicht. Hier wird das Göttliche im Sekundentakt abgearbeitet. Es ist ein ritueller Drive-In an der Ratchaprasong Junction, betrieben im Vorbeigehen, während direkt über den Köpfen der Gläubigen die Züge des Skytrains mit metallischem Quietschen die Schienen entlangjagen.

Man taucht ein in ein dichtes, fast hypnotisches Klangbecken. Es ist ein faszinierendes akustisches Chaos: Das tiefe, monotone Murmeln hunderter betender Lippen vermischt sich mit dem aggressiven Aufheulen der Motorroller und dem dumpfen Hupen der Autos im ewigen Stau der Kreuzung. Und mittendrin, wie kleine, helle Nadelstiche im Lärm der Metropole, das feine, helle Klingen der Gebetsglöckchen, die im Rhythmus der Verbeugungen angeschlagen werden.

Ich stehe vor Phra Phrom. Seine vier vergoldeten Gesichter schauen mit spitzen Bärten und gütigem, fast zufriedenem Ausdruck in alle vier Himmelsrichtungen. Er sitszt da, das rechte Bein lässig angewinkelt, als würde ihn der Smog und der Lärm der Metropole überhaupt nichts angehen. Zu seinen Füßen liegt ein dichter, schwerer Teppich aus gelben Blütenkränzen. Es riecht betäubend nach Jasmin und dem dichten, blauen Qualm Hunderter Räucherstäbchen, die in den Augen brennen.

An dreißig Verkaufsständen nebenan in der Phloen Chit Road herrscht Hochkonjunktur. Man kauft das Glück im Paket: Blüten, Kerzen, kleine Teakholz-Elefanten. Wer ganz sichergehen will, dass Brahma zuhört, mietet sich für ein paar Baht eine professionelle Tanzgruppe. Während man selbst starr vor dem Schrein steht, wirbeln im Hintergrund Frauen in schweren, golddurchwirkten Seidenkleidern, die Finger kunstvoll nach hinten gebogen, und singen mit hohen, wehmütigen Stimmen gegen den unbarmherzigen Verkehrslärm an. Es ist ein Kleinod aus purem Gold mitten im Beton.

Die Chronik der Erschütterungen

Der Schrein, so lernt man, ist kein Ort des ewigen Friedens. Er ist ein Seismograph der Gewalt.

1991: Das alte Hotel wird abgerissen, das Grand Hyatt entsteht. Der Kapitalismus schläft nicht.

2006: Ein geistesgestörter Mann zertrümmert die heilige Brahma-Statue mit einem Hammer. Sekunden später wird er von wütenden Passanten auf offener Straße erschlagen. Ein sakraler Lynchmord im Morgengrauen. Die Mörder werden am nächsten Tag freigelassen.

2015: Eine Bombe explodiert mitten in der betenden Menge. Zwanzig Menschen sterben, die Trümmer fliegen bis auf die Gleise des Skytrains. Zwei Uiguren werden verhaftet. Sie wollten der Welt den Schmerz ihres Volkes demonstrieren und töteten dafür Menschen, die gerade um Glück baten.

Sie wollten der Welt den Schmerz ihres Volkes demonstrieren und töteten dafür Menschen, die gerade um Glück baten.Und nun steht man selbst da, völlig gebannt von diesem Szenario, fokussiert wie unter einer Droge, die alle Geräusche zu einem einzigen, pulsierenden Summen filtert. Jetzt bin ich dran.

In der Hand eine Handvoll gelber Blüten. Ich lege sie sorgsam ab. Da ich keinerlei Routine in spirituellen Transaktionen besitze, konzentriere ich mich überhaupt nicht auf meinen eigentlichen Wunsch – sondern bin viel zu sehr damit beschäftigt, mich nicht zu blamieren. Mache ich alles richtig? Knicke ich die Knie im richtigen Winkel? Aber Brahma, so hofft man in seiner westlichen Naivität, wird das in seiner unendlichen Güte schon verstanden haben.

Wir gehen weg, zurück in den Strom der Fußgänger auf dem Skywalk, Richtung Chit Lom Station. Das Klacken unserer Schritte auf dem Beton entfernt sich langsam vom Klangteppich des Schreins.

Die Kollegin blickt von der Seite herüber. „Und? Wie fühlst Du Dich jetzt? Bist Du das losgeworden, was Du wolltest?“

„Ja“, sage ich und schaue zurück auf das flackernde Lichtermeer im Betonbecken. „Ich hoffe nur, es ist nicht irgendwo im Verkehr hängengeblieben.“

Sie lacht, ein helles, bangkokianisches Lachen, das den November für einen kurzen Moment vergessen lässt. „Och, das ist gar kein Problem. Du kommst morgen einfach nochmal.“ Fragt mich einfach.

#Vietnam-tours.de/Thailand individuell erleben/#

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Blog von admin. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert