Weiß bedeutet: Du darfst atmen. Rot bedeutet: Die Erde gehört noch dem Krieg

Phonsavanh – That Foun Stupapng©Vietnam-Tours.de

Betreff: Re: Ihre Frage zu Phonsavanh / Einige Gedanken dazu

Hallo Herr Eduard,
vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich verstehe Ihre Abwägung vollkommen – das Programm ist intensiv, und die Versuchung, einen „Off-Day“ einzulegen, um die bisherigen Eindrücke sacken zu lassen, ist absolut berechtigt.

Wenn es aber um Phonsavanh und die Ebene der Steinkrüge geht, sprechen wir nicht über bloßes „Gestein“. Wir sprechen über einen der vielleicht atmosphärisch dichtesten Orte Südostasiens.

Um Ihnen die Entscheidung zu erleichtern, habe ich meine Gedanken zu diesem Ort einmal in ein paar Zeilen zusammengefasst – abseits der klassischen Reiseführerprospekte und basierend auf meinen eigenen Erfahrungen.

ACHTUNG SPOILER: Herr Eduard hat sich gegen den Besuch des „Gesteins“ entschieden. Bitte nichts mit Krieg. Dann lieber einen OFF-DAY.

Das Echo der Bomben und das Schweigen der Steine

Es gibt Orte auf dieser Welt, an denen die Jahrtausende so dicht beieinanderliegen, dass man beim Gehen fast stolpert. Dieser hier schmeckt nach roter Erde, nach dem kalten Metall alter Kriege und dem unerschütterlichen Schweigen von Stein.

Phonsavanh und die Ebene der Steinkrüge©Vietnam-Tours.de

Phonsavanh, irgendwo im Hochland von Laos. Die Straßen sind breit, schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen – die sterile Geometrie einer Stadt, die erst gestern gelernt hat, neu zu existieren. Wer hier durch die Straßen geht, begegnet den Hmong, den Khmu, den Lao Loum. Eine Vielfalt der Gesichter, die sich zu einer seltsamen, unaufgeregten Gemeinschaft fügt.

Sie alle leben in einer Stadt, die es eigentlich nicht geben dürfte. Die alte Provinzhauptstadt Xieng Khouang wurde ausgelöscht, dem Erdboden gleichgemacht von einer unvorstellbaren Logik der Zerstörung. Was blieb, war die Notwendigkeit, neu anzufangen. Weiter westlich. Schnurgerade.

An den Hängen der Hügel blüht die Natur, als wäre nichts gewesen. Doch unter dem Grün liegt das Grauen. Xieng Khouang, das meistbombardierte Fleckchen Erde dieser Welt. Ein trauriger Rekord, den niemand wirklich gewollt hat. Neun Jahre lang fiel der Tod vom Himmel, im Geheimen, während die Welt wegsah. Millionen von Bomblets, die wie tückische Saat in der Erde stecken.

Noch heute zeigen weiße und rote Steine auf den Pfaden den Unterschied zwischen Leben und Tod. Weiß bedeutet: Du darfst atmen. Rot bedeutet: Die Erde gehört noch dem Krieg.

Und doch ist da diese unbändige, fast zärtliche Ironie des Alltags. Die Menschen hier haben die Trümmer des Hasses in die Fundamente ihres Glücks verwandelt. Man geht an einem Stelzenhaus vorbei und sieht, dass die Pfähle, die das Dach tragen, alte, rostige Gehäuse von Streubomben sind. In den Vorgärten wachsen Ringelblumen aus entschärften Minen.

Aus den gewaltigen Abwurftanks der Bomber bauen die Fischer Boote©Vietnam-Tours.de

Aus den gewaltigen Abwurftanks der Bomber bauen die Fischer Boote, die jetzt träge über die Flüsse gleiten. Es ist ein Upcycling des nackten Überlebens. Was dafür geschaffen wurde, Leben zu nehmen, schenkt ihnen heute ein Zuhause. Sie bauen daraus eine neue Welt.

Und dann, nur ein paar Kilometer weiter, die Ebene der Steinkrüge. [Erfahren Sie mehr über unsere Reise zur Ebene der Steinkrüge.]

Hunderte von ihnen liegen in der Landschaft herum, tonnenschwer, manche drei Meter hoch, als hätte ein Riese sie im Zorn dort vergessen. Die Archäologen kommen mit ihren Pinseln und Theorien, sie sprechen von der Eisenzeit, von Begräbnisurnen und Jahrtausenden. Sie suchen nach Knochen und finden doch keine endgültige Antwort. Die Volksgruppen, die sie schufen? Unbekannt. Spurlos verschwunden im Nebel der Geschichte.

Die Einheimischen lächeln nur über die Wissenschaft. Sie erzählen sich lieber die Geschichte von König Khun Cheung, dem Riesen, der nach einer gewaltigen Schlacht die Krüge meißeln ließ, um darin tonnenweise Reisschnaps zu brauen. Ein monumentaler Rausch für einen monumentalen Sieg. Wenn man im fahlen Abendlicht zwischen den steinernen Kolossen steht, während der Wind durch die Gräser pfeift, merkt man, dass die Legende sich viel besser anfühlt als die nackte Archäologie.

Man steht an einem dieser riesigen Krüge, berührt den rauen, kalten Stein, der zweitausend Jahre überdauert hat. Und nur fünfzig Meter weiter sieht man die tiefen Krater im Boden – die Wunden, die die B-52-Bomber in dieselbe Erde gerissen haben. Das Altertum und die Moderne, das ewige Rätsel und die präzise Vernichtung, Wand an Wand.

Der Abendhimmel über Phonsavanh färbt sich in dieses unbeschreibliche Rosa und Grau, für das es im Deutschen kein Wort gibt. Ein Zustand zwischen Tag und Nacht, zwischen Erinnerung und Vergessen.

Phonsavanh©Vietnam-Tours.de

Man kehrt zurück in die Stadt, vorbei an den Bombenbechern, die jetzt Blumenkübel sind, und man begreift: Die Krüge schweigen über die Toten der Vergangenheit. Die Erde schweigt über die Toten der Gegenwart. Und dazwischen liegt ein Leben, das einfach weitermacht. Unentschuldigt und voller Hoffnung.

Resümierend:

Phonsavanh ist kein klassischer Ort, an dem man sich entspannen kann. Er ist ein Ort, der fordert, der bewegt und der einen tiefen Blick in die Seele dieses Landes ermöglicht. Wenn Sie die Energie dafür aufbringen, werden Sie diesen Tag vermutlich nie vergessen. Wenn Sie spüren, dass Sie eine Atempause brauchen, ist der Off-Day die vernünftigere Wahl.

Lassen Sie die Zeilen einfach kurz wirken. Sagen Sie mir dann Bescheid, wie wir verfahren wollen.

Herzliche Grüße Ihr

Christoph Waldhauer

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